Gömmer Migros? Oder nach Züri?

Ich muss schon wieder jammern. Weil es mir jedesmal einen Stich versetzt, wenn jemand sagt: „Ich ga nach Züri“. Oder: „Ich wohne in Uschter“. Das tönt zwar ein bisschen nach Schweizer Mundart, ist aber nur notdürftig getarntes Hochdeutsch. Eigentlich hiesse das nämlich: „Ich ga uf Züri“ und „Ich wohne z’Uschter“. „Gömmer Migros“ ist mir da fast lieber, weil es wenigstens ein bisschen lustig tönt. Langsam ist es mir ja egal, wenn die Leute immer häufiger von „Müll“ sprechen oder alles „lecker“ finden. Die Veränderung des Wortschatzes war bei der Sprachentwicklung noch nie das Problem. Unsere Sprache besteht schliesslich zu einem grossen Teil aus Importen. Dass man nun aber auch die Satzbildung und die Verwendung der Präpositionen der Standardsprache angleicht, ist schon recht einschneidend. Da würde man besser gleich Hochdeutsch sprechen – oder Englisch, wenn es denn sein muss.

In meiner Jugend war das Problem ja noch genau umgekehrt. Wir mussten damals ganz genau aufpassen, dass wir nicht eins zu eins ins Hochdeutsche übersetzten. Es heisse eben nicht: „Wir gehen auf Basel“, sondern „ … nach Basel“, wurden wir immer wieder ermahnt. Und im Hochdeutschen dürfe man nicht sagen: „Der Vater, wo …“. Mindestens das ist heute kein Problem mehr. Denn sehr viele Leute sagen jetzt auch auf Mundart: „De Vatter, de gseit het“. Dass auch dies mich jedes Mal zusammenzucken lässt, muss dann wohl verkraftet werden.

Reded rächt züritüütsch!

Klein Gedicht Hägni

Rudolf Hägnis Gedicht über den Zerfall der Schweizer Mundart (ein Klick macht den Text grösser).

Man ärgert sich ja täglich über den liederlichen Sprachgebrauch seiner Zeitgenossen. Was als Dialekt daherkommt, ist im besten Fall eingeschweizertes Hochdeutsch. Man könnte eine unendlich lange Liste solcher Pseudo-Dialektwörter machen: Mier bechömid’s scho … / Ich krieg e Kriise /Ich überchume nüüd / Schlittschue / lerne / arbeite / Schmätterling / Summersprosse / Butter / Ziäge / Pfärd / Es Schwein / Chopfschmärze / Sipuro gäg hartnäckige Schmutz / Ich liebe das / Ich ga nach Frankrich / De Kolleg, de gseit hed / S’Ässe schmöckt / Ufwache / De Mund (aber soll man Muulwasser sagen?) / Ich bi in Basel gsi/ Träppe / Giesschanne etc. etc. etc.

Man ertappt sich dabei, dass man eine Art sprachlichen Heimatschutz fordern möchte – und weiss ja doch, dass  dies nichts nützen würde, zumal es Ähnliches seit Jahrzehnten gibt. Ausserdem würde man sich wohl nicht nur in angenehme Gesellschaft begeben mit der Forderung. Der sprachliche Heimatschutz existiert hochoffiziell seit Jahrzehnten, etwas exakter gesagt: seit 1938. Nicht nur dem Historiker läuten bei dieser Jahrzahl alle Warnglocken: Landi, geistige Landesverteidigung, «Blut und Boden, helvetisch», wie es Max Frisch ausdrückte. Damals bildete sich der «Bund Schwyzertütsch», mitbegründet und über Jahrzehnte gehegt und gepflegt von ihrem Präsidenten Adolf Guggenbühl, der in einem Artikel 1953 schrieb: «Was wir betreiben, ist im Grunde nichts anderes als sprachlicher Heimatschutz». Es sollte mehr Dialekt auch in der Öffentlichkeit gesprochen werden, und vor allem sollte er korrekt gesprochen werden. Das waren die zentralen Ziele des Bundes. 1953 wurde die Vereinigung als Mundartsektion in den Schweizer Heimatschutz aufgenommen, was zur Folge hatte, dass man ihr stets genügend Raum in den eigenen Publikationen einräumte. Zudem gab es eine alljährliche Zuwendung in der Höhe von 3500 Franken.

Rudolf Hägni war ein engagierter Lehrer und Mundartdichter, geboren in Stäfa 1888, gestorben in Zürich 1956. In der Zeitschrift des Schweizer Heimatschutzes fasste er 1954 seine Klagen über den angeblichen Sprachzerfall in einem Gedicht zusammen. Die Reaktion aus heutiger Sicht ist ambivalent: Zum einen möchte man ihm recht geben, zum andern sieht man in ihm den ewig gestrigen Bewahrer und Behüter eines Sprachgebrauchs, der dem aktuellen Leben längst nicht mehr gerecht wird. Manche Wörter, denen er nachtrauert, sind rettungslos verloren (Guggumere, Barile, Maie), bei andern darf man sogar aus heutiger Sicht noch ein bisschen hoffen (speuze, Leue, Stääge). Auf jeden Fall ist die Lektüre des Gedichts sehr amüsant und – für mich jedenfalls – ein bisschen anregend.

Willkommen

In diesem Blog geht es um Lokalpolitik, Bergsteigereien, Sprachwandel – und andere Tollheiten des täglichen Lebens. Wer sich wenigstens ein bisschen fürs eine oder andere interessiert, sei hier ganz herzlich willkommen.

Der feine (sprachliche) Unterschied

In den letzten Jahren hat sich – sicher unter dem Einfluss aus dem Norden – unsere Mundart stark verändert. Beim Wortschatz fällt das vielen noch auf (Butter, Ziege, gäge hartnäckige Schmutz etc.). Wenn aber alte Wörter neue Bedeutungen erhalten oder Teile davon wegfallen, schleicht sich das sehr rasch und unbemerkt ein. Die Unterscheidung zwischen lernen und lehren etwa war in der Mundart bis vor kurzem völlig unbekannt. Das Zürichdeutsche Wörterbuch von Heinz Gallmann aus dem Jahr 2009 nennt zwei Bedeutungen von „leere“, eben zum einen lernen („Leere schriibe“), zum andern aber lehren („Ich will di leere folge“). Nun hat uns das Hochdeutsche doch noch den feinen Unterschied gelehrt, und kaum jemand verzichtet noch auf diese klare Unterscheidung. Auch „wer“ und „wen“ wurden früher nicht unterschieden. „Wèèr“ hiess nicht nur „wer“, sondern eben auch „wen“ („Wèèr händ er gsee?“). Man könnte nun ja argumentieren, dass es sich in diesem speziellen Fall um eine Bereicherung der Mundart handelt, weil sie mehr Nuancen erhält. Andererseits: Hat sich die jeweilige Bedeutung nicht immer ganz selbstverständlich aus dem Zusammenhang erschlossen? Oder gibt es jemanden, der auf die Frage „Wèèr gseesch?“ immer nur sich selber meinen konnte?