Ein verletzlicher Stern

Sind Windmühlen schöner als Strommasten? Die Frage würden wohl über 90 Prozent der Befragten mit einem klaren Ja beantworten. Dabei wurden auch die ersten Windmühlen als technisches Werk und Verschandelung der Landschaft angesehen. Erst als sie in immer mehr Kunstwerken auftauchten, wurden sie nicht mehr als Fremdkörper, sondern als idyllisches Element der Landschaft empfunden. Diese These wird in der wissenschaftlichen Arbeit «De schoonheid van hoogspanningslijnen in het Hollandse landschap» vertreten und diese wiederum von Alain de Botton in seinem 2009 erschienenen Buch «Freuden und Mühen der Arbeit» zitiert.

Folgt man der Überlegung, sollte die ästhetische Umdeutung von Strommasten und anderen technischen Einrichtung zur Erzeugung und Verteilung der Elektrizität doch auch heutigen Künstlern gelingen. Der Architekt und Fotograf Kaspar Thalmann macht in seinem Fotobuch über den «Stern von Laufenburg» den Versuch. Seine Fotografien zeigen eindrücklich die riesigen Elektro-Schaltanlagen am Rhein bei Laufenburg und deuten gleichzeitig deren Verletzlichkeit an. Von oben gesehen sieht die Anlage aus wie die Platine in einem Computer, von der Seite offenbart sich ein Gewirr von Stahl und Kabeln, und die Detailaufnahmen zeigen – zumal in der Kombination und in unterschiedlichen Farben – wie dekorativ doch all die Teile sind.

Cover des Buchs Stern von Laufenburg

Ich durfte für den bei Scheidegger & Spiess erschienenen Bildband die Geschichte des «Sterns» und der Elektrizität in der Schweiz ergründen – eine auch für mich spannende und zum Teil überraschende Sache. Erstaunt hat mich vor allem, dass über die Verknüpfung der Stromnetze von Deutschland, Frankreich und der Schweiz im Jahr 1958 in den Schweizer Medien überhaupt nicht berichtet wurde. Dabei handelte es sich aus heutiger Sicht um ein epochales Ereignis. Der Stern von «Laufenburg» gilt als eine der grössten Schaltanlagen weltweit und deshalb als neuralgischer Punkt im europäischen Netz. Die Betreibergesellschaft Swissgrid wehrt fast permanent Hackerangriffe auf ihre Anlagen ab, und unlängst wurde in den Medien berichtet, dass der «Stern» von unbekannten Drohnen überflogen worden sei. Eine weitere Bedrohung des sowieso schon äusserst verletzlichen Gleichgewichts in den Stromnetzen der Schweiz und Europas.

Stern von Laufenburg. Fotografien von Kaspar Thalmann. Herausgeber: Sam Scherrer, Beiträge von Meret Arnold und Adi Kälin, Scheidegger & Spiess, Zürich 2025.