Die Geschlechtsumwandlung der Rigi – und was Goethe wirklich sah

14 Jahre habe ich bei der NZZ gearbeitet – und mindestens die Hälfte davon nebenbei dafür gekämpft, dass auch in der NZZ nicht mehr «der Rigi» geschrieben wird, sondern korrekt «die Rigi». Das falsche Geschlecht des Berges geht ja zurück auf Goethe, der fand, jeder Berg sei männlich – und auch oft vom Rigiberg schrieb. Dass im Luzerner Namenbuch ebenso wie im monumentalen Werk von Viktor Weibel über die Schwyzer Ortsnamen kein Zweifel daran gelassen wird, dass Rigi ein Femininum ist, überzeugte den damaligen Chefkorrektor der NZZ ebenso wenig wie den damaligen Feuilletonchef. Man werde an der männlichen Form festhalten, wurde mir mehrmals beschieden. Es sei halt immer so gewesen, und es gebe genug Belege dafür. Dass diese Belege dann vor allem aus der NZZ stammten, merkten die Herren nicht. Tatsächlich war die NZZ in früheren Zeiten nicht derart strikt. Erst 1968 verpassten der Chefkorrektor der NZZ, Walter Heuer, und ein Lokalredaktor der Rigi das männliche Geschlecht.

Da war die NZZ ihrer Zeit voraus: «Küssnacht an der Rigi» in einer Polizeimeldung von 1938.

Unterdessen hat sich die Sache erledigt. Mit dem Ausscheiden der hauptsächlich beteiligten Sprachpfleger ist die Geschlechtsumwandlung der Rigi endlich gelungen! Ja, aber warum heisst es dann weiterhin «Küssnacht am Rigi» (an dem Rigi, also männlich), werde ich gelegentlich gefragt. Dazu muss man wissen, dass der Bezirk Küssnacht die Formulierung längst abgeschafft hat. Nur noch SBB und Post halten daran fest, im Glauben, dass es mit dem Namenszusatz schon seine Richtigkeit haben werde. Wie es korrekt lauten soll, hat ausgerechnet die NZZ 1938 in einer Polizeimeldung vorgemacht: «Küssnacht an der Rigi» – den (für mich) sensationellen Fund machte ich dieser Tage bei einer ganz anderen Recherche. Bleibt noch die Frage, was der Arguswächter in der Polizeimeldung ist. Dabei handelt es ich um einen Nachtwächter der Firma Argus, die wohl vor allem im Innerschweiz Raum tätig war.

Und wenn ich schon dabei bin, kann ich auch gleich einen anderen Rigi-Mythos zurechtstutzen. Immer wieder wird in der Rigi-Werbung der Goethe-Spruch «Rings die Herrlichkeit der Welt» verwendet. Der 26-jährige Dichter kam 1775 auf die Rigi, logierte im Klösterli, zeichnete die Kapelle und stieg am Tag darauf auf den Kulm (oder auch nur den Rotstock). Von dort oben sahen sie – genau nichts! Das Zitat in Goethes Reisetagebuch lautet nämlich im Zusammenhang so: «18. Sonntags früh gezeichnet die Kapelle vom Ochsen aus. Um zwölf nach dem kalten Bad oder 3 Schwestern Brunn. Dann die Höhe ¼ 3 Uhr in Wolken und Nebel rings die Herrlichkeit der Welt». Dreissig Jahre später schrieb Goethe über die Rigi-Reise in «Dichtung und Wahrheit». In dieser Beschreibung reisst nun der Nebel gelegentlich auf, und man sieht auf das sonnenbeschienene Tal hinunter. Was Dichtung und was Wahrheit ist, weiss Goethe allein, und den kann man nicht mehr fragen.

Hans Frick war’s und nicht Heinrich Bräm

Hans Frick, der Direktor der mechanischen Seidenstoff-Weberi Adliswil

Hans Frick, der Direktor der mechanischen Seidenstoff-Weberei Adliswil

Ja, es ist tatsächlich nicht ganz einfach, historische Figuren auf Bildern zu ientifizieren. Im Fall der Albert-Heim-Hütte habe ich die Angaben aus einem wissenschaftlichen Beitrag übernommen, muss allerdings sagen, dass diese ziemlich sicher falsch sind. Es geht um die Person, die ich auf dem Bild zur Eröffnung der Hütte als Heinrich Bräm angeschrieben habe. In Tat und Wahrheit handelt es sich bei der Person um Hans Frick, den Direktor der mechanischen Seidenstoff-Weberei Adliswil (MSA), der mit grossem persönlichen Engagement die Finanzierung des Hüttenbaus sicherstellte.

In einem Zeitschriftenartikel zur Geschichte der Seidenindustrie habe ich ein Bild von Frick gefunden – und die Ähnlichkeit ist so gross, dass kaum noch Zweifel bestehen. In den besten Zeiten beschäftigte die MSA rund 1300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Der Patron war zuerst Robert Schwarzenbach (1839-1904), doch die Firma ging in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts in den Besitz der Familie Frick über. Auf Heinrich Frick (1845-1910) folgte Hans Frick (1872-1936). In den dreissiger Jahren war dann aber endgültig Schluss: Der Firma ging es immer schlechter, bis sich die Banken aus dem Geschäft zurückzogen. Zudem war Hans Frick in den letzten Jahren immer kränker geworden.

Hans Frick war hauptsächlich dafür verantwortlich, dass der Bau der Albert-Heim-Hütte des SAC mit privaten Geldern erstellt werden konnte. Gustav Kruck, der Zürcher Stadtrat und Initiator des Hüttenbaus, dankte Frick in seinem Buch «Die Klubhütten der Sektion Uto» von 1922 überschwenglich für seinen Einsatz. Man darf annehmen, dass Frick noch viel mehr gezahlt hat als offiziell bekannt wurde. Eine Vereinigung von «12 Freunden der Berge» übergab den ersten Betrag von 10’000 Franken an Kruck, sammelte später aber weiter, weil die Kosten deutlich höher wurden. Die Spender wollten anonym bleiben, was den Verdacht stärkt, dass vor allem Frick in die Tasche gelangt hatte. In Fricks Werkstätten in Adliswil wurden später auch die Schreiner-, Glaser- und Zimmerarbeiten für die Hütte gemacht, bevor die einzelnen Teile dann von Männern aus Realp zur Baustelle auf 2500 Metern Höhe hochgetragen wurden.

Herzlichen Dank ans Gartenbauamt

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Vierwaldstättersee in Öl, 1941. Mit, v.l.: Gitschen, Urirotstock, Oberbauenstock, Niederbauen. Grösseres Bild durch Draufklicken.

Was das denn für ein hübsches Panorama oben an der Seite sei, werde ich ab und zu gefragt. Tatsächlich sind Bild und Maler heute nicht mehr so bekannt. Das war vor fünfzig Jahren noch ganz anders: Willy F. Burger (1882-1964) aus Rüschlikon war ein bekannter und geschätzter Kunstmaler und Grafiker, der neben seinem eigenen künstlerischen Werk unzählige Plakate, Post- und Reklamekarten, Kataloge, Buchillustrationen und vieles mehr gefertigt hatte. Willy F. Burger wurde 1882 in Zürich geboren, besuchte dort die Schulen und machte eine Lehre als Lithograf. Sein Vater, der ebenfalls als vielbeschäftigter Grafiker arbeitete, war sein grosses Vorbild. Nach einem Studium an der Kunstgewerbeschule (so hiess das früher!) bildete er sich in Karlsruhe und mit längeren Aufenthalten in England und in den USA weiter. Ferdinand Hodler beeindruckte den damals 25-jährigen Willy Burger schwer – vor allem, als er ihn einmal zu einem Malausflug an den Silvaplanersee einlud. Hodler und Burger skizzierten während rund zwei Stunden jeder für sich die Landschaft. Dann lehnte sich Hodler zum Bild seines jüngeren Kollegen hinüber und meinte nur: «Eine tüchtige Arbeit!». Jetzt könnte er eigentlich gleich sein eigenes Kürzel F.H. darunter setzen. Später einmal porträtierte Burger den grossen Meister – und dieser korrigierte mit dicker Kohle da und dort ein paar Stellen. Hodler hatte zwar einiges übrig für Burger, doch wirklich beeinflusst hat er ihn nicht. Burger blieb bei seiner traditionellen Malweise und lehnte neuere Ansätze vehement ab. Kirchner verabscheute er richtiggehend, und Abstraktion war ihm fremd.

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Willy F. Burger in seinem Atelier.

Burger war ein begeisterter Alpinist, weshalb er immer wieder Berglandschaften malte. Auch seine Plakate warben zur Hauptsache für Berge und Bergbahnen (ein sehr frühes Exemplar etwa für die Pilatusbahn). Von den Panorama-Ansichten hat er etliche gemalt, oft im Auftrag des Zürcher Gartenbauamts (heute Grün Stadt Zürich). Sehr hübsch etwa das «Gebirgs-Panorama vom Alpenquai Zürich» mit dem See im Vordergrund (das Alpenquai wurde 1960 in General-Guisan-Quai umgetauft). Das von mir verwendete Panorama zeigt die leicht andere Sicht von der Waid, «nach Original-Aquarell von W.F. Burger, Rüschlikon», wie es auf dem gedruckten Werk heisst. Erschienen ist das Panorama 1953, gekostet hat es «Fr. 4.-«.

Mehr über Willy F. Burger ist zu erfahren aus einem Katalog, der 2011 anlässlich einer Ausstellung der Gemeinde Rüschlikon im Brahmshaus erschienen ist: «Willy F. Burger, ein künstlerischer Kosmopolit in Rüschlikon», Text: Roland Stark. Zum 80. Geburtstag ist ausserdem ein kleines Büchlein mit vielen s/w-Reproduktionen von Burgers Werken erschienen. Ich habe mir die beiden Büchlein in der Zentralbibliothek besorgt, ob sie noch irgendwo zu kaufen sind, weiss ich nicht.