Zürich, die fröhliche Baustelle an der Limmat

Züriberg Besprechung klein

Besprechung des neuen Zürich-Buchs in der Quartierzeitung “Züriberg”

Jahr für Jahr wird in Zürich gejammert über die zahlreichen Baustellen, die für Staub und Dreck sorgen und einem den Weg versperren. Blickt man 150 Jahre zurück, relativiert sich allerdings die Situation gewaltig. Ich durfte für die Stadtzunft, die gerade ihr 150-jähriges Bestehen feiert, einen längeren Beitrag für ihr Jubiläumsbuch schreiben und konnte mich wieder einmal wundern darüber, wie rasch und tiefgreifend sich Zürich damals innert weniger Jahrzehnte verändert hat. In den dreissiger Jahren gab es einen ersten richtigen Schub: Die Schanzen wurden abgebrochen, was Raum bot für zahlreiche Bauten im inneren Kern der Stadt. Durch die engen Gässlein wurde eine neue Achse geschlagen, die den Postkutschen komfortablere Verhältnisse schuf. Beim heutigen Sechseläutenplatz entstand ein Kornhaus, die Münsterbrücke wurde gebaut, und zwischen Münsterhof und Paradeplatz wurde eine neue, breite Strasse angelegt. Passenderweise wurde an dieser Strasse die neue Post angelegt, wo die Kutschen ankamen und wegfuhren, die zuvor die engen Gassen der Altstadt verstopft hatten. Die Reiseführer lobten damals das neue Gebäude – und das gegenüber liegende Hotel Baur, das nobelste Gasthaus der Stadt. Gleichzeitig entschuldigte man sich bei den Touristen: Zürich sei ja normalerweise eine saubere Stadt. Weil aber momentan so viel gebaut werde, sei es entsprechend staubig und dreckig. Nach 1860 wurde die Stadt dann regelrecht umgestochen: Schanzengraben und Sihlkanal wurden verlegt, der Fröschengraben zugeschüttet und darauf die Bahnhofstrasse angelegt, ganze Quartiere neu gebaut – und andere vollständig beseitigt. Die schöne neue Post war nun ebenso überflüssig geworden wie das Kornhaus auf dem Sechseläutenplatz: Das Postgebäude wurde vorübergehend an die Kreditanstalt vermietet, das Kornhaus zur Tonhalle umgebaut und deren Betrieb in ein neues Gebäude beim Bahnhof verlegt. Die Bahn hatte innert kurzer Zeit die Kutschen überflüssig gemacht.

TitelbildMan muss der Stadtzunft danken dafür, dass sie nicht einfach eine Jubiläumsbroschüre verfasst hat, sondern mit einigem Aufwand ein richtiges Zürich-Buch geschaffen hat, das die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts in allen Facetten beleuchtet. Diverse namhafte Autoren haben sich daran beteiligt und beispielsweise die Bereiche Wirtschaft, Kultur oder politische Geschichte näher untersucht. Eingerahmt werden diese Fachartikel durch einen Stadtspaziergang um 1867 und einen Ausblick auf die weitere Entwicklung Zürichs. Und fast noch mehr als über die Geschichte der Stadt lässt sich staunen über die grosse Zahl von Bildern, die davon noch Zeugnis ablegen. Viele Fotos und Illustrationen hat man noch nie oder wenigstens schon sehr lange nicht mehr in einer Publikation gesehen.

Die Elite und das Volk, Version 1868

Eugen Escher

Eugen Escher (1831-1900), Zürcher Stadtschreiber, NZZ-Chefredaktor, Ständerat etc. etc.

Anfang 1868 errangen die Demokraten einen unglaublichen Sieg: Mit einer überaus deutlichen Mehrheit beschlossen die Stimmberechtigten, eine neue Verfassung mit deutlich erweiterten Volksrechten ausarbeiten zu lassen. Liberale und Konservative verstanden die Welt nicht mehr – vor allem aber das Volk. Sie kauften deshalb die NZZ und setzten einen neuen Chefredaktor ein, um mit diesem Volk eine «engere Fühlung» zu schaffen. Selbstverständlich ging die Sache schief. Aber zunächst der Reihe nach: Zentrale Figur in diesem Drama ist der Zürcher Jurist Eugen Escher (1831-1900). Wie einige seiner Zeitgenossen hatte er eine unglaubliche Fülle von Posten und Aufgaben: Er war Zürcher Stadtschreiber und gleichzeitig Gerichtsschreiber am Bundesgericht. Dazu Kantonsrat, National- und schliesslich auch Ständerat (nachdem ihn Alfred Escher überzeugt hatte, diesen Posten auch noch anzunehmen). Wir wissen relativ viel über Eugen Eschers Leben und Denken, weil seine Lebenserinnerungen nach seinem Tod in der NZZ erschienen sind. Zu finden sind diese unter dem Titel «Lebenslauf in ruhigen und bewegten Zeiten» auch als Separatdruck.

Eugen Escher war ein offener Geist und suchte auch in seiner Rolle als Stadtschreiber grösstmögliche Transparenz: «Vor allem bemühte ich mich, die noch immer sich zeigende, aus älteren Zeiten überkommene Geheimnistuerei über die Vorgänge und Bestrebungen in der Stadtverwaltung zu beseitigen und an deren Stelle eine regelmässige, sich gegenseitig stützende und fördernde Wechselwirkung zwischen Bevölkerung und Behörden zu setzen.» Er erfindet zu diesem Zweck Jahresberichte, Berichte zu Rechnung und Budget, Stadtratsmitteilungen und die öffentlichen Sitzungen des grossen Stadtrats (heute Gemeinderat), also alles Dinge, mit denen wir Lokaljournalisten uns täglich herumschlagen.

Die zusätzlichen Volksrechte, die sich die Demokraten auf die Flagge geschrieben hatten, waren Escher dann aber doch zu viel. Er habe zwar eine gewisse Sympathie für die Forderungen, stelle sich aber gleichwohl gegen die Demokraten, meinte er. Der Konflikt war aber auch einer zwischen Zürich und Winterthur, zwischen NZZ und «Landboten». Als Escher einmal fand, die baulichen Bestrebungen in Zürich würden über Gebühr von den demokratischen Kräften behindert, griff er selber zum Griffel und wandte sich vehement gegen eine Artikelserie im «Landboten», mit der seiner Ansicht nach die Landbevölkerung gegen Zürich aufgewiegelt wurde.

Der Sieg der Demokraten war für Escher ein schwerer Schlag. Vor allem aber schmerzte ihn, dass auch in Zürich selber eine Mehrheit für die neue Verfassung zusammenkam. Jetzt machte sich, so Escher in seinen Lebenserinnerungen, «in liberalen und konservativen Kreisen die Ansicht geltend, dass mit den Stimmberechtigten eine engere Fühlung geschaffen und hiefür insbesondere der Presse eine erhöhte Aufmerksamkeit gewidmet werden müsse». Gegner der Verfassungsrevision kauften darauf die NZZ, nachdem die Idee zur Gründung einer Konkurrenzzeitung verworfen worden war. Das Unternehmen wurde zur AG, Eugen Escher zum neuen Chefredaktor. Doch es war ein schwieriger Start. Escher erhöhte sofort die Preise für Abonnements und Inserate, brachte die Zeitung dafür zwei Mal täglich auf den Markt. An der Redaktion verzweifelte er fast: Das «vorhandene Redaktionspersonal» sei nicht nur numerisch unzureichend, «sondern auch in der Mehrzahl ungeeignet», fand er. Aber es gebe auch kaum genügend Leute auf dem Markt für diese Posten.

In den kommenden Jahren litt Escher zunehmend unter seinem Amt als NZZ-Chef. «Unmut und Niedergeschlagenheit» machten sich breit, nachdem die von ihm erhoffte politische Wirkung ausblieb. Er jammerte immer häufiger darüber dass er den «schönen Posten» bei der Stadt für den neuen Job aufgegeben hatte. 1872 geht er als Chefredaktor, bleibt aber Präsident des Verwaltungskomitees. Sein Nachfolger als Chefredaktor wird Hans Weber. Eugen Escher wird nun Nachfolger von Alfred Escher als Direktor der Nordostbahn. Auch dort erlebt er so manche Krise und wird schliesslich nach gut 22 Jahren im Amt vom Jungfraubahn-Erbauer Adolf Guyer-Zeller «in gewalttätiger Form beseitigt». Den abrupten Abgang verwand Eugen Escher nie. Die Verbitterung darüber, dass sein Lebenswerk zu wenig gewürdigt wurde, scheint in seinen Lebenserinnerungen immer wieder durch.

Die Sache mit Mussolinis Zürcher Rede

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Das Velodrom in Wiedikon, das 1918 abgebrochen wurde (grösseres Bild durch Klicken!)

Es folgen: Ein Lob auf die neue Turicensia-Lounge in der Zentralbibliothek und dann, was ich mir schon lange vorgenommen hatte, die Richtigstellung einer groben Falschmeldung, die seit Jahren durch Bücher und Zeitungsartikel geistert. Zum Lob aber zuerst: Die Zentralbibliothek hat umgebaut und für die Studentinnen und Studenten ganz viele Nischen gebaut, in denen sie sich auf ihre Prüfungen vorbereiten können. Die Sache erinnert mich stark an Hasenställe, weshalb ich nun immer gleich in die sogenannte Turicensia-Lounge fliehe, die für einen lokalhistorisch interessierten Zeitgenossen natürlich das Paradies ist (obwohl sich die sprachverliebten Zeitgenossen noch einen Bindestrich zwischen Turicensia und Lounge wünschen würden). Dieser Ort ist zwar neu geschaffen worden, er wirkt aber dennoch so, als wäre er ein wenig aus der Zeit gefallen. Es gibt hier alle möglichen Lokalzeitungen und -heftli, daneben Bücher und Broschüren über Zürichs Vergangenheit und Gegenwart. Sogar ein paar Bände der Zürcher Wochenchronik, dieser wundervollen Quelle zur Lokalgeschichte, sind dort greifbar.

img_2935Bei den Büchern steht unter anderem der Jubiläumsband zum Hundertjährigen der Offenen Rennbahn in Oerlikon – ein schöner, sorgfältig gemachter Bildband, der aber leider einen groben inhaltlichen Bock enthält. Schon im ersten Titel wird versprochen, dass man etwas über Mussolinis Rede erfahre, die ja eben in der Offenen Rennbahn stattgefunden haben soll. Dieser Unsinn geistert nun seit Jahren durch alle möglichen Publikationen, weshalb ich mir erlaube, die Sache endlich klarzustellen. Rein zeitlich wäre es natürlich möglich gewesen: Die Rennbahn in Oerlikon wurde 1912 eröffnet, Mussolini sprach am 1. Mai 1913 zu den “italienischen Genossen”. Er ging damals noch als Sozialist durch und wurde angekündigt als “Direktor des Avanti, Mailand”.

Auf dem Plakat zum “Arbeiter-Weltfeiertag” steht ferner, dass der Anlass im “Velodrom” stattgefunden hat. Die Autoren des Jubiläumsbuchs hätten eigentlich wissen müssen, dass man die Offene Rennbahn nicht Velodrom genannt hatte. Die Halle mit diesem Namen stand nämlich damals noch in Wiedikon, an der Ecke Manesse-/Zurlindenstrasse und diente der Zürcher Arbeiterbewegung sehr häufig als Veranstaltungslokal.

Wer mehr über Mussolinis Auftritt erfahren will, wird fündig in Ettore Cellas Buch “Das Damokles-Schwert”. Darin schildert der 2004 verstorbene Schauspieler die Geschichte seines Vaters, Enrico Dezza, der das Restaurant Cooperativo geführt und im ersten Stock des gleichen Hauses eine sozialistische Zeitung redigiert hatte. Ettore Cella war im gleichen Jahr geboren worden, in dem Mussolini nach Zürich kam. Dieser sei “morgens im Velodrom im Sihlhölzli und nachmittags im Volkshaus” aufgetreten, lesen wir in seinem Buch.

Mussolini verkehrte im “Cooperativa”, wie das Lokal damals noch hiess, übernachtete aber bei Bekannten. Er fürchtete sich vor Hotels, weil er zehn Jahre zuvor verhaftet und aus der Schweiz ausgewiesen worden war. Jahre später “wuchsen die Märchen über jenen Aufenthalt ins Unendliche. Alle wollten ihn gekannt und unterstützt haben”, schrieb Cella. Auch dass Mussolini im Café Odeon seinen Kaffee getrunken haben soll, gehört in dieses Kapitel.

 

 

Eine rätselhafte Schweizer Kommission

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“Swiss Commission”, aufgenommen zwischen 1905 und 1945 (Grösseres Bild durch Draufklicken).

Die Library of Congress bietet im Internet seit Jahren digitalisierte Fotos in sehr guter Qualität an. Darunter hat es auch viele Bilder mit Schweizer oder Zürcher Themen, etwa eine riesige Sammlung sogenannnter Photochrom-Bilder mit Schweizer Landschaften. Photochrom bezeichnet ein Druckverfahren, mit dem aus Schwarzweissbildern farbige Ansichten hergestellt werden können. Diese Technik wurde ab 1880 bei Orell Füssli in Zürich entwickelt, weshalb auch die Zürcher Zentralbibliothek über eine umfangreiche Sammlung der sehr hübschen Bilder verfügt. Daneben findet man in der Library of Congress alle möglichen Schweizer Sujets, die von der Käseherstellung bis zum Eislaufen auf gefrorenen Seen reichen.

Eine ganz spezielle Sammlung innerhalb der Library of Congress bildet der Nachlass des Fotohauses Harris & Ewing Inc., das 1905 gegründet worden war und in den dreissiger Jahren des vorigen Jahrhunderts bereits der grösste Betrieb seiner Art war. George W. Harris und Martha Ewing betrieben fünf Studios und beschäftigten 120 Mitarbeiter. Sie machten alles, was ein klassischer Fotografenbetrieb tut – von Hochzeitsbildern bis zu Porträtaufnahmen. Ein wichtiges Standbein war aber die News-Fotografie, für die ein wahres Heer von Freelancern beschäftigt wurde. Als der Betrieb aufgelöst wurde, erhielt die Library of Congress 50’000 News-Bilder und 20’000 Porträtfotos, teils auf Negativfilmen, teils aber auch noch auf Glasplatten.

Eine dieser Glasplatten aus der riesigen Sammlung hat es mir besonders angetan, vielleicht auch, weil man nicht weiss, wer darauf abgebildet ist. “Swiss Commission” heisst der Titel des Bildes, entstanden ist es laut den Bibliotheksangaben zwischen 1905 und 1945. Von der Foto geht ein ganz eigener Reiz aus, vermutlich wegen der unterschiedlichen Positionen der Hände, die entfernt an die drei Affen erinnern, die sich Augen, Ohren und Mund zuhalten. Und ja, ein bisschen schweizerisch wirken sie doch auch.

Und wieder ein Neuanfang auf der Schwägalp

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Das alte Restaurant, das nun abgebrochen wird, war auch die erste Talstation der Bahn, wie man dem Gebäude sehr gut ansieht. (Grösseres Bild beim Draufklicken)

Am 30. Juli 1935 wurde die Säntis-Luftseilbahn – oder wie es korrekt heisst: die Schwebebahn – in Betrieb genommen. Die erste Fahrt konnten die Verwaltungsräte geniessen, die beiden weiteren, “bei keineswegs reizlosem Nebeltreiben”, geladene Gäste aus der ganzen Schweiz, wie es in einem zeitgenössischen Bericht hiess. Carl Meyer, der Initiant der Bahn, mochte an diesem Tag nicht nur jubeln: zu gross waren die Hindernisse, die man ihm in den Weg gelegt hatte, zu gross war auch der Widerstand der Behörden gegen sein Projekt gewesen. “Einen Berg von Schwierigkeiten” habe er bewältigen müssen, bis der andere Berg, der Säntis, endlich bezwungen war, sagte er bei seiner Eröffnungsrede.

Erst gut achtzig Jahre alt ist also die Geschichte der Säntis-Schwebebahn, und doch hat sie immer wieder tiefgreifende Veränderungen erlebt. 1960 etwa wurde die Stütze 1 auf der Schwägalp, die gewissermassen zum Markenzeichen der Bahn geworden war, ersatzlos niedergerissen. Aus der Stütze 3, bei der man aus- und einsteigen kann, wurde dadurch die Stütze 2. im Lauf der ersten grossen Ausbauphase in den siebziger Jahren wurde die Talstation verlegt; sie war nun nicht mehr mit dem Restaurant auf der Schwägalp verbunden, sondern bekam den neuen Standort, von dem aus sie noch immer startet.

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Bau der Talstation für den Start der Bahn im Sommer 1935.

Die alte Talstation war aber am Bau des Bergrestaurants noch immer ablesbar; die Spitze des Gebäudes in Richtung Säntis zeigte an, wo die Gondeln in den ersten 25 Jahren starteten. Mit dem Neubau des Hotels/Restaurants ist nun aber auch das Ende des Altbaus mit Restaurant und ehemaliger Bahnstation gekommen. Seit Mitte März wird abgebrochen – oder schöner und korrekter gesagt: Stück für Stück zurückgebaut. Kein Bauteil geht verloren, alles wird schon gleich nach der Entfernung aus dem altehrwürdigen Gebäude auf je separate Haufen gelegt: Holz, Stein, Metall, Keramik usw.

Der “Abbruch” ist ein Spektakel für die zahlreichen Wanderer und Töfffahrer, die es mit den steigenden Temperaturen ins Freie und auf die Höhe zieht. Der Neubau bietet aber einen durchaus befriedigenden Ersatz. Er steht etwas am Rand der Schwägalp, weshalb er die Landschaft deutlich weniger beeinträchtigt als die alte Anlage. Die moderne Architektur dürfte für den einen oder andern noch etwas gewöhnungsbedürftig sein (vor allem die Metallornamente an der Fassade). Ich bin aber sicher, dass der Neubau von den zahlreichen Besucherinnen und Besucher bald ebenso ins Herz geschlossen wird wie das beim Altbau der Fall ist. Spätestens wenn letzterer vollständig abgetragen ist, wird man das Konzept und den zusätzlichen Freiraum auf der Schwägalp zu schätzen wissen.

Der erste Profi-Fotograf der Schweiz

Inserat

Mit solchen Inseraten warb Isenring für seine Porträts (grösseres Bild beim Draufklicken).

Am 11. November konnte ich in der Zentralbibliothek Zürich mein Säntis-Buch präsentieren. Weil das Referat im Rahmen der “Glanzlichter”-Ausstellung der Graphischen Sammlung der ZB stattfand, fokussierte ich vor allem auf Bilder und deren Hersteller, also die Kupferstecher, Maler und Fotografen. Für all jene, die es nicht einrichten konnten an diesem Abend sei hier ein Beispiel nachgeliefert, nämlich ein kurzes Porträt von Johann Baptist Isenring (1796-1860), der sich nicht nur einen Namen machte als Maler und eifriger Verleger von Druckgrafik, sondern auch als erster Profi-Fotograf der Schweiz. Isenring lernte zuerst Schreiner, ging auf Wanderschaft durch halb Europa und schlug sich als Vergolder und Flachmaler durch. Dank einem Stipendium von St. Gallen kann er schliesslich in München ein Kunststudium absolvieren. Bald macht er sich einen Namen mit Ansichten aus der näheren und weiteren Umgebung. In St. Gallen eröffnet er eine Kunsthandlung, die bald zur eigentlichen Manufaktur wird, in der Ansichten der touristisch interessanten Orte der Schweiz am Laufmeter entstehen.

Isenring

Johann Baptist Isenring (1796-1860)

1839 kam dann die Wende: Isenring erwarb sich die Rechte am Daguerrotypie-Verfahren, machte sich mit der neuen Technik vertraut und entwickelte sie bald entscheidend weiter. Damit wurde er zum ersten Daguerrotypisten der Schweiz. Nur ein Jahr später veranstaltete er sogar die erste Fotoausstellung weltweit – mit Ansichten, Porträts – und einem umfangreichen Katalog. Lang hielt es ihn nun nicht mehr in St. Gallen. Er konstruierte ein fahrbares Fotolabor, den “Sonnenwagen”, wie er ihn nannte, und reiste damit durch die Schweiz und Süddeutschland, wo er sich jeweils als Porträtfotograf anpries. Es war ihm gelungen, die Lichtempfindlichkeit der Platten zu erhöhen, was ihm erlaubte, in kürzerer Zeit Porträts zu machen. 10 bis 15 Minuten hatten die Kunden aber immer noch stillzustehen oder -zusitzen, damit aus dem Porträt etwas wurde.

In seinen letzten Lebensjahren wandte sich Isenring von der Fotografie ab und vermehrt der Druckgrafik zu. Wieso, weiss man nicht genau. Vielleicht war im neuen Fach die Konkurrenz einfach zu gross geworden. Von seiner Druckgrafik gibt es unzählige Exemplare in fast allen Archiven der Schweiz. Sein fotografisches Werk ist aber fast ganz verschwunden.

Als Hitler für den “Tages-Anzeiger” schrieb

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“Tagi”-Frontseite vom 17.12.1931 (ein Klick auf das Bild zeigt die grössere Version).

Der Besuch Adolf Hitlers 1923  in Zürich und seine Rede in der Villa Schönberg schlagen momentan ein paar Wellen in den Schweizer Medien. Im “Tages-Anzeiger” fordern nun Historiker, dass auf der Website des Rietberg-Museums auf diese Episode in der Geschichte des Hauses hingewiesen wird. Der Museumsdirektor Albert Lutz will das auch pflichtschuldig tun – obwohl der Hitler-Besuch eigentlich allen bekannt war, die es wissen wollten. Ich erlaube mir im Gegenzug auf eine Besonderheit in der Geschichte des “Tages-Anzeigers” hinzuweisen, die eigentlich auch allen bekannt sein könnte, die aber dennoch immer wieder vergessen geht: Am 17. Dezember 1931 hat Adolf Hitler seine Gedanken zu den Nationalsozialisten und der künftigen Entwicklung Europas auf mehr als einer halben Frontseite des “Tagi” ausbreiten können. Titel: “Was wollen wir Nationalsozialisten”.

Wie gesagt, das wird keineswegs verschwiegen. Im 1993 erschienenen und immer noch lesenswerten Buch zum 100-Jahr-Jubiläum des “Tages-Anzeigers” wird der Geschichte um Hitlers Leitartikel sogar ein eigenes Kapitel gewidmet. Etwas relativierend wird dort ausgeführt, dass der Artikel in einer Reihe von Verlautbarungen anderer Politiker stand, die meist von Agenturen verbreitet wurden. Mussolini durfte mehrmals, einmal war der US-Präsident Hoover dran und 1938 schliesslich auch noch Winston Churchill. Im redaktionellen Teil war der “Tages-Anzeiger” den Nationalsozialisten weniger zugeneigt: Besonders der Redaktor Paul Künzli erkannte die Gefahr, die von deren Machtübernahme ausging, relativ früh. Am 31. Januar 1933 schrieb er beispielsweise: “Nun tappt man auf einem Weg ins Dunkle und allen Abenteuern ist Tür und Tor geöffnet, nun steht ungeheuer viel auf dem Spiel.”

Die Artikel von Hitler und Mussolini im “Tages-Anzeiger” werden von Historikern unterschiedlich gewertet. Die einen sehen darin einen klaren Verstoss gegen die selbst verordnete Neutralität des Blattes, während andere (unter ihnen der Autor des Jubiläumsbuchs) finden, das Publikum habe die Leitartikel der externen Autoren sehr wohl richtig einordnen können.

Die zwei Gesichter der Volkskultur

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Silvesterklausen, Glöcklerlauf, Klausjagen. Drei Bräuche mit einigen Gemeinsamkeiten.

Ich empfehle heute eine Ausstellung über Volkskultur – gerade auch jenen Leuten, die schon beim Wort Volkskultur Pickel bekommen. Sie erfahren dabei einiges über die zweischneidige Rolle der Bräuche in Österreich und der Schweiz. Das Haus Appenzell an der Bahnhofstrasse in Zürich hat eine Ausstellung zusammengestellt, in der drei Klausenbräuche nebeneinander präsentiert werden: Das Urnäscher Silvesterklausen, das Klausjagen in Küssnacht an der Rigi und der Glöcklerlauf im österreichischen Ebensee. Schon die Vernissage war ein besonderes Erlebnis, das die Bahnhofstrasse in dieser Form kaum je erlebt haben dürfte: Es waren nämlich aus allen drei Dörfern die „Kläuse“ nach Zürich gekommen, um hier mit viel Lärm ihren je eigenen Brauch zu demonstrieren. Die Polizei kam mit eingeschaltetem Martinshorn, die Hausabwärte aus der Nachbarschaft stellten sich breitbeinig vor ihre Liegenschaften. Doch bald war allen klar, dass der Lichter- und Lärmzauber vor dem Haus Appenzell harmloser Natur war. Die Vernissage war übrigens recht prominent besetzt: Die Landammänner beider Appenzell waren vor Ort und zeigten damit, wie wichtig ihnen der Kulturaustausch mit dem grossen Zürich ist.

Die Ausstellung ist sehr sorgfältig gemacht. Ernst Hohl und die Kuratorin Yu Hao sind den Bräuchen und den Leuten, die sie noch immer betreiben, auf feinfühlige Art gerecht geworden. Man wird richtiggehend hineingezogen in die Faszination, die von den archaischen Bräuchen auch heute noch ausgeht. Über den Katalog muss ich etwas vorsichtiger berichten, da ich selber einen Artikel dazu beigesteuert habe. Weil ich letztes Jahr ein Buch über das Küssnachter Klausjagen verfassen durfte, wurde ich nun auch für einen kleineren Beitrag zum gleichen Thema angefragt. Auch im Katalog werden Gemeinsamkeiten zwischen den verschiedenen Bräuchen deutlich: So wurde beispielsweise in Ebensee wie in Küssnacht bis vor kurzem noch die Ansicht vertreten, dass der jeweilige Brauch heidnischen Ursprungs sei und also Jahrtausende alte Wurzeln habe. Was den Glöcklerlauf betrifft, hat der renommierte österreichische Volkskundler Franz Grieshofer genau ein Wort für diese Thesen parat: „Unsinn!“ – was sich allein schon an der Tatsache festmachen liesse, dass die Gemeinde Ebensee erst im Jahr 1604 gegründet worden ist. Im Katalog erwähnt der Ebenseer Historiker Franz Gillesberger dann, woher die seltsamen Theorien stammen – nämlich aus der Nazizeit. Den Nationalsozialisten, die ab 1938 in Österreich das Sagen hatten, konnte nichts zu germanisch, heidnisch und vorchristlich sein. Die Glöckler, denen man eine solche Entstehungsgeschichte andichtete, mussten sogar in Goslar an einer grossen Brauchtumsschau teilnehmen und in Berlin unter dem Brandenburger Tor durchmarschieren.

Auch in der Schweiz wurde im 19. Jahrhundert (und dann wieder in den zwanziger und dreissiger Jahren des 20. Jahrhunderts) eifrig nach uralten schweizerischen Traditionen gesucht – auch um das junge und noch fragile Staatengebilde Schweiz zusammenzuhalten. 1926 wurde die schweizerische Trachtenvereinigung gegründet, zwei Jahre später die Küssnachter St. Niklausengesellschaft, die den alten Klausenbrauch in geordnete Bahnen lenkte – und damit vor dem Zugriff der Behörden rettete. Beide Organisationen sellten sich in den Dienst der geistigen Landesverteidigung und traten auch an der „Landi 39“ auf, die zum Inbegriff eben dieser Haltung wurde. Diese Fakten habe ich im Katalogtext und noch viel ausführlicher im Buch über das Klausjagen ausgeführt – was mich aber in keiner Art daran hindert, alljährlich mit grosser Begeisterung am Klausjagen in Küssnacht teilzunehmen. Ich halte es da sehr pragmatisch mit Franz Gillesberger: „Ein Brauch kann doch auch schön sein, wenn er nicht Jahrhunderte alt ist.“

Vom Cube und anderen Klötzen

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Vielleicht sieht er ja bei schönem Wetter schöner aus …

Die Hafenkran-Geschichte ist uns allen noch bestens präsent. Dass aber vor bald 30 Jahren noch deutlich heftiger um den “Cube” gestritten wurde, wissen nur noch wenige. Dieser Würfel aus Zementsteinen mit einer Seitenlänge von fünf Metern war ein Geschenk und hätte eigentlich irgendwo in Zürich aufgestellt werden sollen. Doch bei jedem vorgeschlagenen Standort gab es einen kleinen Aufstand von Anwohnern und hilfswilligen Politikern. Im Jahr 2000 habe ich dazu unter dem Titel “Der Klotz im Kopf” eine kleine Kolumne geschrieben – die nun in einem entscheidenden Punkt überholt ist. Doch davon später mehr. Zuerst der alte Text:

“Kunst ist, wenn man trotzdem lacht. Sagen die einen. Die meisten aber ärgern sich, wenn sie nicht auf Anhieb merken, “was uns der Künstler sagen will”. Immer dasselbe. Ob der Künstler nun einen Metallwürfel auf den Paradeplatz stellt oder Denkmäler verschiebt. Am meisten Proteste hat in den letzten Jahren aber ein Kunstwerk ausgelöst, das gar nie wirklich in Zürich stand: Sol LeWitts “Cube”, geplant als Würfel aus weissen Backsteinen mit fünf Meter Seitenlänge. Minimal Art eigentlich, aber so gross wie ein Einfamilienhaus.

“Grümpel”, “Verarschung”, “Ziegelstein-Frusthaufen”, schallte es durch sämtliche Leserbriefseiten, als die Stadt 1986 das Geschenk der Walter-A.-Bechtler-Stiftung am Zürichhorn aufstellen wollte. Selbst Kunstkritiker lagen sich in den Haaren, volkstümliche Parlamentarier reichten Vorstösse ein, der Gemeinderat musste debattieren, der Stadtrat schliesslich klein beigeben und nach einem neuen Standort suchen. Er suchte, fand und verwarf jeweils kurz darauf wieder. Es kam zu einer jahrelangen Odyssee des imaginären Kunstwerks, bis es schliesslich allen Beteiligten zu bunt wurde und man 1993 gänzlich verzichtete. Heute steht statt des “Cube” der Chinagarten im Park am Zürichhorn.

Ein Kunstwerk ist nur Kunst, wenn es Diskussionen auslöst. Alles andere ist langweilige Dekoration. Was auch heisst, dass die lauthalsen Proteste mithelfen, aus dem profanen Gegenstand ein Kunstwerk zu machen. Der “Cube”, den es eigentlich gar nicht gibt, ist demnach ein Kunstwerk, an dem sehr viele Zürcherinnen und Zürcher auf ihre Art mitgestrickt haben. Ihn noch aufstellen zu wollen, ist unnötig. Mit all dem, was er ausgelöst hat, ist er längst zu einem Teil Zürichs und seiner Geschichte geworden. Der “Cube” steht zwar nicht wie geplant auf der grünen Wiese, dafür haben wir ihn alle in unseren Köpfen.”

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Ein achtstöckiger Würfel von Herzog & deMeuron

Und nun ist also alles anders. Der “Cube” steht seit einiger Zeit im Zellweger-Park in Uster und kann besichtigt werden. Der erste Gedanke, als ich ihn sehe: “Das ist er nun also!” – und der zweite: “Vermutlich sieht er schöner aus, wenn es nicht regnet”. Das war’s dann aber auch schon. Der “Cube” ist Geschichte, erzählt aber immerhin so nebenbei eine Geschichte über die Stadt Zürich und ihren Umgang mit Kultur. Sehr viel interessanter erscheint mir jetzt aber die schwimmende Holzbrücke von Tadashi Kawamata gleich daneben – oder der “Steinhaufen” von Fischli und Weiss, der dank des permanent darauf spritzenden Wassers allmählich vermoosen soll.

Und ganz aktuell sorgt ein anderer, deutlich grösserer Würfel im Zellweger-Park für Gespräche. Der Zellweger-Park wird ja so allmählich zu einer Architektur-Ausstellung: Nach Wohnbauten von Gigon/Guyer oder Morger + Dettli folgen nun Herzog & deMeuron. Ihr Wohngebäude, das demnächst bezogen werden soll, ist ein achtstöckiger Würfel mit erker-artigen Bauten an allen Ecken. Darin befinden sich die grossen Balkon, die mit Aussentreppen kombiniert sind. Ein gemeinsames Treppenhaus gibt es nämlich im Haus nicht, lediglich zwei Lifte in der Mitte. Eine “völlig neue Gebäudetypologie”, meint die Bauherrschaft. Ich sage: Eine interessante Idee; mal schauen, wie das funktioniert. Wer mehr wissen will, findet hier die Broschüre von Herzog & de Meuron mit den Grundrissen des Hauses.

Wir wollen die Annaburg zurück!

Stadtmodellraum

Ein schöner Ort: Der Stadtmodellraum im Amtshaus V.

Das Zürcher Stadtmodell im Amtshaus V ist eine der weniger bekannten Sehenswürdigkeiten der Stadt. Im Massstab 1:1000 ist dort die ganze Stadt in Holz nachgebaut. Jedes noch so kleine Häuschen findet eine Entsprechung auf dem riesigen Modell, und sogar Projekte, die noch gar nicht verwirklicht sind, kann man ab und zu sehen. Das Baukollegium, das hier tagt, benutzt das Modell nämlich dazu, sich ein Bild zu machen von den städtebaulichen Veränderungen. Ein Besuch ist immer eine Inspiration! Ein bisschen geht man aber auch in den Stadtmodellraum, um sich zu vergewissern, dass hier die “Annaburg” noch steht. In Wirklichkeit ist das beliebte Restaurant auf dem Grat des Üetlibergs ja vor gut 25 Jahren abgebrochen worden. Doch es gibt unzählige Zürcherinnen und Zürcher, die ihr noch immer nachtrauern. So richtig tot sei die Annaburg noch nicht, habe ich Anfang Jahr in einem Artikel in der NZZ geschrieben. Solange sie ihr kleines, aber feines Refugium auf dem Stadtmodell verteidige, lebe sie in den Erinnerungen von vielen einstigen Gästen weiter.

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Vorher (im Februar) und nachher (jetzt). Beim Draufklicken sieht man das Desaster noch grösser.

Und nun dies: Die Annaburg ist doch tatsächlich weggeräumt worden! Den barbarischen Akt habe ich heute bei einem Besuch des Stadtmodells festgestellt. War es ein glühender Fan oder ein übereifriger Angestellter der Stadtverwaltung? Wer immer es war, wir wollen die Annaburg zurück! In der Welt dieses so perfekten Modells war die kleine, aber stolze Annaburg irgendwie das Herz, das Unvollkommene, das dieses Werk erst vollkommen machte. Sollte tatsächlich jemand von der Stadt dahinter stecken, bitten wir inständig: Stellt das Häuschen doch bitte wieder auf. Um zu zeigen, dass es etwas Besonderes ist, könntet Ihr eventuell eine Annaburg aus Glas basteln – oder vielleicht sogar eine aus Gold. Der Steuerzahler würde auch dies verstehen.

Die Annaburg ist 1876 errichtet worden, zunächst als Wohnhaus für die Frau von Jacob Meier aus Wiedikon. Die gebürtige Russin war lungenkrank und sollte auf dem Uto-Grat genesen. Gut dreissig Jahre später bekam die Villa einen Hoteltrakt angehängt und eine grosse Restaurantterrasse. Doch allmählich verfielen Pracht und Charme des alten Gemäuers. Die Realisten wollten in den achtziger Jahren abbrechen, die Romaniker erhalten. In der Volksabstimmung hielten sich die beiden Lager fast die Waage. Wegen ein paar Stimmen mehr kam es schliesslich zum Abbruch – nachdem das Haus noch kurz besetzt worden war. Heute steht dort ein Picknickplatz mit WC-Häuschen.