Zürich, die fröhliche Baustelle an der Limmat

Züriberg Besprechung klein

Besprechung des neuen Zürich-Buchs in der Quartierzeitung «Züriberg»

Jahr für Jahr wird in Zürich gejammert über die zahlreichen Baustellen, die für Staub und Dreck sorgen und einem den Weg versperren. Blickt man 150 Jahre zurück, relativiert sich allerdings die Situation gewaltig. Ich durfte für die Stadtzunft, die gerade ihr 150-jähriges Bestehen feiert, einen längeren Beitrag für ihr Jubiläumsbuch schreiben und konnte mich wieder einmal wundern darüber, wie rasch und tiefgreifend sich Zürich damals innert weniger Jahrzehnte verändert hat. In den dreissiger Jahren gab es einen ersten richtigen Schub: Die Schanzen wurden abgebrochen, was Raum bot für zahlreiche Bauten im inneren Kern der Stadt. Durch die engen Gässlein wurde eine neue Achse geschlagen, die den Postkutschen komfortablere Verhältnisse schuf. Beim heutigen Sechseläutenplatz entstand ein Kornhaus, die Münsterbrücke wurde gebaut, und zwischen Münsterhof und Paradeplatz wurde eine neue, breite Strasse angelegt. Passenderweise wurde an dieser Strasse die neue Post angelegt, wo die Kutschen ankamen und wegfuhren, die zuvor die engen Gassen der Altstadt verstopft hatten. Die Reiseführer lobten damals das neue Gebäude – und das gegenüber liegende Hotel Baur, das nobelste Gasthaus der Stadt. Gleichzeitig entschuldigte man sich bei den Touristen: Zürich sei ja normalerweise eine saubere Stadt. Weil aber momentan so viel gebaut werde, sei es entsprechend staubig und dreckig. Nach 1860 wurde die Stadt dann regelrecht umgestochen: Schanzengraben und Sihlkanal wurden verlegt, der Fröschengraben zugeschüttet und darauf die Bahnhofstrasse angelegt, ganze Quartiere neu gebaut – und andere vollständig beseitigt. Die schöne neue Post war nun ebenso überflüssig geworden wie das Kornhaus auf dem Sechseläutenplatz: Das Postgebäude wurde vorübergehend an die Kreditanstalt vermietet, das Kornhaus zur Tonhalle umgebaut und deren Betrieb in ein neues Gebäude beim Bahnhof verlegt. Die Bahn hatte innert kurzer Zeit die Kutschen überflüssig gemacht.

TitelbildMan muss der Stadtzunft danken dafür, dass sie nicht einfach eine Jubiläumsbroschüre verfasst hat, sondern mit einigem Aufwand ein richtiges Zürich-Buch geschaffen hat, das die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts in allen Facetten beleuchtet. Diverse namhafte Autoren haben sich daran beteiligt und beispielsweise die Bereiche Wirtschaft, Kultur oder politische Geschichte näher untersucht. Eingerahmt werden diese Fachartikel durch einen Stadtspaziergang um 1867 und einen Ausblick auf die weitere Entwicklung Zürichs. Und fast noch mehr als über die Geschichte der Stadt lässt sich staunen über die grosse Zahl von Bildern, die davon noch Zeugnis ablegen. Viele Fotos und Illustrationen hat man noch nie oder wenigstens schon sehr lange nicht mehr in einer Publikation gesehen.

Ein schönes, neues Kunstmuseum, das noch nicht so richtig funktioniert

Kunstmuseum

Im Erweiterungsbau gibt es modern anmutende, aber auch sehr traditionelle Elemente. Die Brüstung der Treppe ist fast eine Kopie aus dem Altbau.

Endlich habe ich die Erweiterung des Basler Kunstmuseums von Christ & Gantenbein nun auch noch gesehen. Man muss ja als Zürcher wissen, was die Erbauer des neuen Landesmuseums andernorts Tolles schaffen. Die Journalisten waren ob des Baus ins Schwärmen geraten, am heftigsten der Kollege vom «Standard», der fand, die marmorne Stiegenbrüstung zaubere «mit einer gewissen Speckigkeit so etwas wie Softporno-Erotik in die Architekturwelt». Das habe ich genauso nicht gesehen, obwohl mir das marmorne Geländer schon auch sehr gut gefallen hat. Es ist übrigens fast eine Kopie der Marmorbrüstung im Altbau – was natürlich bestens ins Konzept passt. Christ & Gantenbein haben ja auch beim Landesmuseum mit Alt und Neu gespielt – und den altehrwürdigen Gull-Bau in einer bestens nachvollziehbaren Art erweitert.

Der Kontrast zwischen dem Modernen, zum Teil Groben, und den feinen Details, die immer wieder Bezug nehmen auf traditionelle Museumsbauten, ist schon sehr ansprechend. Fast schon altmodisch erscheinen einem die Parkettböden und die omnipräsenten Marmorelemente. Dem stehen der eigenwillige Grundriss, die hohen Innenhöfe, die blechernen Türen und Wände in den Nebenräumen gegenüber, die ein bisschen Industrie-Ästhetik ins edle Bauwerk bringen.

Die unterirdische Verbindung zwischen Alt- und Neubau ist genial gelöst: Unter der Strasse liegt ein riesiger Ausstellungsraum, der vom einen in den andern Teil führt. Man geht die (neue) Treppe hoch und steht dann plötzlich im Altbau. Man kann nur hoffen, dass der Durchgang bei der Erweiterung des Zürcher Kunsthauses annähernd so gut gelöst wird. Ich habe ein paar Zweifel.

Eher enttäuschend ist, wie die Museumsverantwortlichen mit dem als offenes Haus konzipierten Erweiterungsbau umgehen. Als ahnungslosen Besucher zog es mich natürlich zuerst in den Neubau, von wo ich sofort wieder zurück zum alten geschickt wurde, weil nur da Tickets verkauft werden. Zu allem Übel gab es dann noch Tickets, die je nach Stockwerk unterschiedlich teuer waren. Wer im Erweiterungsbau Parterre oder zweiten Stock besuchen wollte, zahlte mehr, die erste Etage war billiger. Das hatte nun natürlich zur Folge, dass man auf jedem Stockwerk wieder sein Billett zeigen musste. Schon ein wenig mühsam. Überhaupt habe ich mich selten so verfolgt gefühlt wie in diesem so offenen Haus. An diesem Konzept könnte man also noch ein wenig feilen, finde ich.

 

Eine rätselhafte Schweizer Kommission

klein Swiss Commission

«Swiss Commission», aufgenommen zwischen 1905 und 1945 (Grösseres Bild durch Draufklicken).

Die Library of Congress bietet im Internet seit Jahren digitalisierte Fotos in sehr guter Qualität an. Darunter hat es auch viele Bilder mit Schweizer oder Zürcher Themen, etwa eine riesige Sammlung sogenannnter Photochrom-Bilder mit Schweizer Landschaften. Photochrom bezeichnet ein Druckverfahren, mit dem aus Schwarzweissbildern farbige Ansichten hergestellt werden können. Diese Technik wurde ab 1880 bei Orell Füssli in Zürich entwickelt, weshalb auch die Zürcher Zentralbibliothek über eine umfangreiche Sammlung der sehr hübschen Bilder verfügt. Daneben findet man in der Library of Congress alle möglichen Schweizer Sujets, die von der Käseherstellung bis zum Eislaufen auf gefrorenen Seen reichen.

Eine ganz spezielle Sammlung innerhalb der Library of Congress bildet der Nachlass des Fotohauses Harris & Ewing Inc., das 1905 gegründet worden war und in den dreissiger Jahren des vorigen Jahrhunderts bereits der grösste Betrieb seiner Art war. George W. Harris und Martha Ewing betrieben fünf Studios und beschäftigten 120 Mitarbeiter. Sie machten alles, was ein klassischer Fotografenbetrieb tut – von Hochzeitsbildern bis zu Porträtaufnahmen. Ein wichtiges Standbein war aber die News-Fotografie, für die ein wahres Heer von Freelancern beschäftigt wurde. Als der Betrieb aufgelöst wurde, erhielt die Library of Congress 50’000 News-Bilder und 20’000 Porträtfotos, teils auf Negativfilmen, teils aber auch noch auf Glasplatten.

Eine dieser Glasplatten aus der riesigen Sammlung hat es mir besonders angetan, vielleicht auch, weil man nicht weiss, wer darauf abgebildet ist. «Swiss Commission» heisst der Titel des Bildes, entstanden ist es laut den Bibliotheksangaben zwischen 1905 und 1945. Von der Foto geht ein ganz eigener Reiz aus, vermutlich wegen der unterschiedlichen Positionen der Hände, die entfernt an die drei Affen erinnern, die sich Augen, Ohren und Mund zuhalten. Und ja, ein bisschen schweizerisch wirken sie doch auch.

Von Bergsteigern und armen Schweinen

Brief Avienus

Gessner widmet seine Schrift über die Milch seinem Freund Jakob Vogel, lateinisch «Avienus» – und schwärmt von der Schönheit der Berge.

In Zürich wird momentan der Arzt, Sprach- und Naturwissenschafter Conrad Gessner gleich in mehreren Ausstellung gewürdigt. Gessner lebte von 1516 bis 1565, der Anlass für die Feierlichkeiten ist also sein 500. Geburtstag. Vieles ist schon geschrieben worden über die Hauptwerke Gessners, mit denen er in ganz Europa bekannt wurde. Am berühmtesten ist wohl seine «Historia animalium», die ihn zu einem Pionier der modernen Zoologie machte – und die sich der schönen Bilder wegen auch sehr gut für Ausstellungszwecke eignet. Der Universalgelehrte verfasste auch eine «Bibliotheca universalis», die erste gedruckte Bibliographie, in der das Wissen der damaligen Zeit schön handlich aufgelistet war.

Gessner

Conrad Gessner, 1516-1565

Ein Aspekt, der ob der gewichtigen anderen Themen ein wenig untergeht, ist Gessners Liebe zu den Bergen. Er war nämlich trotz seiner umfangreichen Studien alles andere als ein Stubenhocker. Immer wieder zog es ihn in die Berge, deren Schönheit er in den höchsten Tönen pries. 1555 etwa bestieg er den Pilatus, wozu es damals noch eine Bewilligung des Schultheissen von Luzern brauchte. Gessner erhielt die Erlaubnis, wurde aber begleitet von einem Stadtboten, der wohl als Aufseher darüber zu wachen hatte, dass er dem verwunschenen Pilatussee nicht zu nahe kam. Als Bergführer wurde zusätzlich der Senn der Alp Trockenmatt verpflichtet. Die Expedition führte via Eigental zum Mittaggüpfi – und schliesslich doch noch zum Pilatussee bei der Oberalp. In seiner kurz nach dem Besuch erschienenen Schrift «Descriptio montis fracti sive montis Pilati» lässt er die Leserschaft dann wissen, wie wenig er von der Sage des Pilatus hält, der in diesem sumpfigen Seelein herumgeistern soll. Ausführlich beschreibt er schliesslich, wie sehr ihm das Bergsteigen Freude bereite: «Es gibt in der Tat keinen unserer Sinne, der im Gebirge nicht ganz besonders auf seine Rechnung kommt.»

Noch eindringlicher hatte Gessner schon 1541 von den Schönheiten der Berge und vom Bergsteigen geschwärmt – in einer Schrift, in der es um die Milch und deren Zubereitungsarten ging. Das Werk widmete er seinem Freund Jakob Vogel (lateinisch: Avienus), der ihn zu einem Aufenthalt in Glarus eingeladen hatte. Er habe sich vorgenommen, so Gessner an Vogel, «jährlich mehrere oder wenigstens einen Berg zu besteigen, wenn die Pflanzen in Blüte sind, teils um diese kennenzulernen, teils um den Körper auf eine ehrenwerte Weise zu üben und den Geist zu ergötzen. Denn welche Lust ist es, und, nicht wahr, welches Vergnügen für den ergriffenen Geist, die gewaltige Masse der Gebirge wie ein Schauspiel zu bewundern und das Haupt gleichsam in die Wolken zu erheben.»  Dann folgt ein gewaltiger Seitenhieb gegen jene Kollegen, die dies eben nicht so sehen, sondern sich wie Siebenschläfer im Winter in ihre Winkel verkriechen: «Die stumpfen Geistes sind, wundern sich über nichts, sie brüten in ihren Stuben und sehen nicht das grosse Schauspiel des Weltalls.» Ja, so weit gehe ihr Stumpfsinn, dass sie «gleich den Säuen immer in den Boden hineinsehen und niemals mit erhobenem Antlitz gen Himmel sehen … Mögen sie sich wälzen im Schlamm, mögen sie kriechen.»  Wer hingegen nach Weisheit strebe, werde fortfahren, die Erscheinungen dieses irdischen Paradieses «mit den Augen des Leibes und der Seele» zu betrachten. Zusammenfassend schreibt Gessner: „Ich behaupte daher, dass ein Feind der Natur sei, wer die erhabenen Berge nicht einer eingehenden Betrachtung würdig erachtet.“ 25-jährig war Gessner, als er dies schrieb. Der Text gilt heute als einer der ersten, in denen die Berge nicht als Bedrohung, sondern als alpinistische Verlockung beschrieben wurden. Er darf denn auch in keiner Anthologie zur Geschichte des Bergsteigens in der Schweiz fehlen.

Er war der Gitarrenlehrer von Bob Marley

ranglin-729-20131015165332207963-620x349

Ernest Ranglin in Action.

Nach Nile Rodgers muss ich gleich noch einen andern Grossen der Musikgeschichte erwähnen, den kaum jemand kennt. Es handelt sich um Ernest Ranglin, den jamaikanischen Gitarristen, Arrangeur und Produzenten, der den Ska, den Reggae und Rocksteady entscheidend geprägt hat. Ob er wirklich der persönliche Gitarrenlehrer von Bob Marley war, ist nicht ganz klar. Auf jeden Fall hätte er ihm noch einiges beibringen können. Rangling ist 1932 in Manchester auf Jamaika geboren worden. Mit der Ukulele und ein paar Tipps von Freunden hat er sich das Gitarrenspiel beigebracht, war dann Bandleader in Hotelbars, Studiomusiker, Arrangeur etc. Kaum ein Ska- oder Reaggae-Musiker der fünfziger und sechziger Jahre ist an ihm vorbeigekommen.

Dazwischen landete er einen Hit: «My Boy Lollypop» mit Millie Small kam weltweit in die vorderen Ränge der Charts. Ob ihm das so angenehm war, weiss man allerdings nicht. Er spielte damals längere Zeit in einem Jazz-Club in London und interessierte sich eher für den Jazz als für leichte Hitparadenkost. Immer wieder hat er mit Monty Alexander Konzerte gemacht und aufgenommen, zuletzt etwa auf dem Album «Rocksteady» von 2014.

Unbedingt erwähnen muss man in diesem Zusammenhang den Schweizer !!! Film «Rocksteady: The Roots of Reggae» über die Anfänge von Ska und Reggae. Stascha Bader hat 2009 eine Rocksteady-Allstar-Band zusammengestellt und mit den Leuten einen wirklich unterhaltsamen Film gedreht. Bandleader war (selbstverständlich, müsste man sagen): Ernest Ranglin. Der Film war so ähnlich angelegt wie Buena Vista Social Club, hatte leider aber nicht annähernd so viel Resonanz.

Seit 1984 lebt Ranglin in Florida, nimmt immer wieder Platten auf, spielt auf Konzerten und produziert für viele andere Musiker. Ich empfehle noch zwei CD und einen Konzertmitschnitt zum Schluss: «Below The Bassline» ist ein sehr schönes Jazzalbum mit dominantem Bass, das man sich immer wieder anhören kann. Etwas sehr Spezielles ist das Album «In Search of the Lost Riddim». Halt ein weiterer Jamaikaner, der Afrika mit der Seele sucht, aber Ranglin findet schon etwas, meine ich. Und dann noch ein hübscher Auftritt des alten Mannes in der sowieso tollen Reihe «Tiny Desk Concerts».

Herzlichen Dank ans Gartenbauamt

Burger_340 600px

Vierwaldstättersee in Öl, 1941. Mit, v.l.: Gitschen, Urirotstock, Oberbauenstock, Niederbauen. Grösseres Bild durch Draufklicken.

Was das denn für ein hübsches Panorama oben an der Seite sei, werde ich ab und zu gefragt. Tatsächlich sind Bild und Maler heute nicht mehr so bekannt. Das war vor fünfzig Jahren noch ganz anders: Willy F. Burger (1882-1964) aus Rüschlikon war ein bekannter und geschätzter Kunstmaler und Grafiker, der neben seinem eigenen künstlerischen Werk unzählige Plakate, Post- und Reklamekarten, Kataloge, Buchillustrationen und vieles mehr gefertigt hatte. Willy F. Burger wurde 1882 in Zürich geboren, besuchte dort die Schulen und machte eine Lehre als Lithograf. Sein Vater, der ebenfalls als vielbeschäftigter Grafiker arbeitete, war sein grosses Vorbild. Nach einem Studium an der Kunstgewerbeschule (so hiess das früher!) bildete er sich in Karlsruhe und mit längeren Aufenthalten in England und in den USA weiter. Ferdinand Hodler beeindruckte den damals 25-jährigen Willy Burger schwer – vor allem, als er ihn einmal zu einem Malausflug an den Silvaplanersee einlud. Hodler und Burger skizzierten während rund zwei Stunden jeder für sich die Landschaft. Dann lehnte sich Hodler zum Bild seines jüngeren Kollegen hinüber und meinte nur: «Eine tüchtige Arbeit!». Jetzt könnte er eigentlich gleich sein eigenes Kürzel F.H. darunter setzen. Später einmal porträtierte Burger den grossen Meister – und dieser korrigierte mit dicker Kohle da und dort ein paar Stellen. Hodler hatte zwar einiges übrig für Burger, doch wirklich beeinflusst hat er ihn nicht. Burger blieb bei seiner traditionellen Malweise und lehnte neuere Ansätze vehement ab. Kirchner verabscheute er richtiggehend, und Abstraktion war ihm fremd.

Burger_339 klein

Willy F. Burger in seinem Atelier.

Burger war ein begeisterter Alpinist, weshalb er immer wieder Berglandschaften malte. Auch seine Plakate warben zur Hauptsache für Berge und Bergbahnen (ein sehr frühes Exemplar etwa für die Pilatusbahn). Von den Panorama-Ansichten hat er etliche gemalt, oft im Auftrag des Zürcher Gartenbauamts (heute Grün Stadt Zürich). Sehr hübsch etwa das «Gebirgs-Panorama vom Alpenquai Zürich» mit dem See im Vordergrund (das Alpenquai wurde 1960 in General-Guisan-Quai umgetauft). Das von mir verwendete Panorama zeigt die leicht andere Sicht von der Waid, «nach Original-Aquarell von W.F. Burger, Rüschlikon», wie es auf dem gedruckten Werk heisst. Erschienen ist das Panorama 1953, gekostet hat es «Fr. 4.-«.

Mehr über Willy F. Burger ist zu erfahren aus einem Katalog, der 2011 anlässlich einer Ausstellung der Gemeinde Rüschlikon im Brahmshaus erschienen ist: «Willy F. Burger, ein künstlerischer Kosmopolit in Rüschlikon», Text: Roland Stark. Zum 80. Geburtstag ist ausserdem ein kleines Büchlein mit vielen s/w-Reproduktionen von Burgers Werken erschienen. Ich habe mir die beiden Büchlein in der Zentralbibliothek besorgt, ob sie noch irgendwo zu kaufen sind, weiss ich nicht.

Die zwei Gesichter der Volkskultur

Haus Appenzell_323

Silvesterklausen, Glöcklerlauf, Klausjagen. Drei Bräuche mit einigen Gemeinsamkeiten.

Ich empfehle heute eine Ausstellung über Volkskultur – gerade auch jenen Leuten, die schon beim Wort Volkskultur Pickel bekommen. Sie erfahren dabei einiges über die zweischneidige Rolle der Bräuche in Österreich und der Schweiz. Das Haus Appenzell an der Bahnhofstrasse in Zürich hat eine Ausstellung zusammengestellt, in der drei Klausenbräuche nebeneinander präsentiert werden: Das Urnäscher Silvesterklausen, das Klausjagen in Küssnacht an der Rigi und der Glöcklerlauf im österreichischen Ebensee. Schon die Vernissage war ein besonderes Erlebnis, das die Bahnhofstrasse in dieser Form kaum je erlebt haben dürfte: Es waren nämlich aus allen drei Dörfern die „Kläuse“ nach Zürich gekommen, um hier mit viel Lärm ihren je eigenen Brauch zu demonstrieren. Die Polizei kam mit eingeschaltetem Martinshorn, die Hausabwärte aus der Nachbarschaft stellten sich breitbeinig vor ihre Liegenschaften. Doch bald war allen klar, dass der Lichter- und Lärmzauber vor dem Haus Appenzell harmloser Natur war. Die Vernissage war übrigens recht prominent besetzt: Die Landammänner beider Appenzell waren vor Ort und zeigten damit, wie wichtig ihnen der Kulturaustausch mit dem grossen Zürich ist.

Die Ausstellung ist sehr sorgfältig gemacht. Ernst Hohl und die Kuratorin Yu Hao sind den Bräuchen und den Leuten, die sie noch immer betreiben, auf feinfühlige Art gerecht geworden. Man wird richtiggehend hineingezogen in die Faszination, die von den archaischen Bräuchen auch heute noch ausgeht. Über den Katalog muss ich etwas vorsichtiger berichten, da ich selber einen Artikel dazu beigesteuert habe. Weil ich letztes Jahr ein Buch über das Küssnachter Klausjagen verfassen durfte, wurde ich nun auch für einen kleineren Beitrag zum gleichen Thema angefragt. Auch im Katalog werden Gemeinsamkeiten zwischen den verschiedenen Bräuchen deutlich: So wurde beispielsweise in Ebensee wie in Küssnacht bis vor kurzem noch die Ansicht vertreten, dass der jeweilige Brauch heidnischen Ursprungs sei und also Jahrtausende alte Wurzeln habe. Was den Glöcklerlauf betrifft, hat der renommierte österreichische Volkskundler Franz Grieshofer genau ein Wort für diese Thesen parat: „Unsinn!“ – was sich allein schon an der Tatsache festmachen liesse, dass die Gemeinde Ebensee erst im Jahr 1604 gegründet worden ist. Im Katalog erwähnt der Ebenseer Historiker Franz Gillesberger dann, woher die seltsamen Theorien stammen – nämlich aus der Nazizeit. Den Nationalsozialisten, die ab 1938 in Österreich das Sagen hatten, konnte nichts zu germanisch, heidnisch und vorchristlich sein. Die Glöckler, denen man eine solche Entstehungsgeschichte andichtete, mussten sogar in Goslar an einer grossen Brauchtumsschau teilnehmen und in Berlin unter dem Brandenburger Tor durchmarschieren.

Auch in der Schweiz wurde im 19. Jahrhundert (und dann wieder in den zwanziger und dreissiger Jahren des 20. Jahrhunderts) eifrig nach uralten schweizerischen Traditionen gesucht – auch um das junge und noch fragile Staatengebilde Schweiz zusammenzuhalten. 1926 wurde die schweizerische Trachtenvereinigung gegründet, zwei Jahre später die Küssnachter St. Niklausengesellschaft, die den alten Klausenbrauch in geordnete Bahnen lenkte – und damit vor dem Zugriff der Behörden rettete. Beide Organisationen sellten sich in den Dienst der geistigen Landesverteidigung und traten auch an der „Landi 39“ auf, die zum Inbegriff eben dieser Haltung wurde. Diese Fakten habe ich im Katalogtext und noch viel ausführlicher im Buch über das Klausjagen ausgeführt – was mich aber in keiner Art daran hindert, alljährlich mit grosser Begeisterung am Klausjagen in Küssnacht teilzunehmen. Ich halte es da sehr pragmatisch mit Franz Gillesberger: „Ein Brauch kann doch auch schön sein, wenn er nicht Jahrhunderte alt ist.“

Das Ende der Weltausstellung

Expo Milan klein

Blick vom Pavillon von New Holland auf Daniel Libeskinds Auftritt für die chinesische Immobilienfirma Vanke.

Wir haben die letzten Tage der Expo 2015 in Mailand erlebt. Und es war die Hölle. Jetzt erst zeigte sich die Fehlplanung so mancher Landespavillons im ganzen Ausmass. Und es wurde deutlicher als je zuvor, dass die Weltausstellungen in ihrer jetzigen Form auf einem grundsätzlichen Missverständnis basieren. In Zeiten des Massentourismus› funktioniert auch eine solche Expo nach dessen Gesetzen. Das offizielle Motto der Ausstellung in Mailand heisst: «Den Planeten ernähren, Energie für das Leben». Sehr viel heftiger war man aber mit einem ganz anderen Thema konfrontiert, jenem der Überbevölkerung nämlich. Die Ausstellung wurde in den letzten Tagen regelrecht gestürmt. 250’000 Besucherinnen und Besucher pro Tag legten die Expo einfach lahm und produzierten vor einzelnen Pavillons Menschenschlangen, in denen man bis zu drei Stunden wartete. Der Schweizer Pavillon war einer der schlimmeren: 2,5 Stunden Wartezeit wurde am letzten Freitag angekündigt, 3 waren es dann am Samstag. Da hat man ganz lange Zeit, sich über die Arroganz der Ausstellungsmacher zu ärgern, die ja eigentlich um solche Besucherströme wissen – und dennoch nichts zur Vermeidung der unendlich langen Warteschlangen tun. Im Gegenteil: Sie werden den Ansturm zum Ende der Weltausstellung wohl als grossen Erfolg feiern.

Was man vom Schweizer Pavillon ohne Wartezeit besuchen kann, weil es niemanden interessiert, ist die Städtepräsentation von Genf: Ein Penner aus Gips liegt in einer Ecke, an den Wänden hat es ein paar Schlirggen aus weisser Farbe. Offensichtlich handelt es sich um Kunst, und offensichtlich ist die Aussage sehr banal. Auch die Gotthard-Ausstellung ist in einigermassen nützlicher Frist zugänglich. Hier ist ein tolles Gotthardrelief zu sehen, das aus einem Granitblock geschnitten wurde. Doch aus den oberhalb des Reliefs aufgehängten Wasserleitungen plätschert es pausenlos auf den Stein hinunter. Damit will man uns nicht mitteilen, dass in der Schweiz immer schlechtes Wetter herrscht, sondern dass vom Gotthard aus in alle Richtungen Flüsse fliessen. Wenn man einen Hebel zieht, fliessen sie nur noch Richtung Norden, bei einem andern wechseln sie nach Süden. Während des Vortrags eines Angestellten zieht ein kleiner Junge am Hebel, wofür er sofort vor allen andern zusammengestaucht wird, weil das jetzt den Vortrag störe.

Die drei Stunden Wartezeit für das Innere der Türme haben wir uns dann geschenkt. Die Aussage, die uns dort während 15 Minuten nähergebracht worden wäre, lautet ungefähr so: Wenn sich alle bei allen Lebensmitteln in den Türmen bedienen, reicht es am Ende nicht für alle. Andere Länder haben ihre Pavillons so konzipiert, dass sie massentauglich sind – die USA vor allem: Hier geht es durch einen ca. 15 Meter breiten Gang hinein in eine Art Flugzeugträger, dann die Treppe hinauf, wo Obama ab einem Bildschirm winkt und ein paar Firmen Informationen anbieten – und dann gleich wieder in derselben Breite hinunter und hinaus. Die Aussage ist gleich der Wartezeit: null. Lobenswert sind die Franzosen, die schon entlang der Schlange unterhalten und informieren. Zudem muss man auch hier nicht allzu lang warten. Nach fünf Minuten ist man im wundervollen Holzpavillon, wo sich die Leute recht gut verteilen und dennoch einiges über die Landwirtschaft des Landes mitbekommen.

Wenn sich das Konzept der Weltausstellungen nicht schon wegen den unkontrollierbaren Massen überholt hätte, dann sicher wegen der Grundidee, dass sich alle Länder, Organisationen und Firmen selbst darstellen können. Das funktioniert sehr gut bei einer Leistungsschau, an der sich alle ins beste Licht rücken müssen. Das ist aber peinlich, wenn man der Sache ein humanitäres Mäntelchen überstülpt, unter das sich alle fliehen. Über 140 Nationen werben für sich und bieten oft nicht mehr als Tourismusbildchen. Der locker-freundliche Ton wirkt besonders befremdlich bei Ländern wie Eritrea oder Simbabwe. Auch grosse Firmen präsentieren sich vor allem als Wohltäterinnen. New Holland etwa will mit ihren gewaltigen Erntemaschinen nicht in erster Linie Geld verdienen, sondern, wie alle andern auch, die Welt retten.

Die Partisanenschlacht vor dem Kurhotel

Bagni klein

Die Überreste des Kurhotels – jenseits des Flusses, der gleichzeitig die Landesgrenze ist.

Ich habe Aline Valangin kennengelernt – endlich, muss man wohl sagen. Im Limmat-Verlag sind ja vor etwa 20 Jahren nicht nur ihre Romane „Die Bargada“ und „Dorf an der Grenze“ erschienen, sondern auch eine Biografie über sie und ihren Ehemann Wladimir Rosenbaum, verfasst von Peter Kamber. Die beiden hatten im Zürich der dreissiger Jahre ein Haus, das Flüchtlingen und Emigranten offenstand. Viele Künstler gingen bei ihnen ein und aus, Aline wurde zur Muse berühmter Schriftsteller wie Kurt Tucholsky und James Joyce, bevor sie selber zu schreiben begann. Wenige Jahre später kauften die beiden ein Haus in Comologno, ganz zuhinterst im Onsernonetal.
Man würde ja annnehmen, dass an diesem äussersten Zipfel der Schweiz, zu dem man nur nach unendlich langen – und manchmal auch recht heiklen – Kurvenfahren gelangt, fast nichts vom Krieg zu spüren war. Doch das Gegenteil ist wahr: In Spruga und Comologna kamen nicht nur Heerscharen von Schmugglern an, sondern auch Partisanen in grosser Zahl, die in der Schweiz Schutz suchten vor Faschisten und Nazi-Deutschen. Der Weg vom italienischen Val Vigezzo ist zwar auch nicht gerade ein Spaziergang, aber immerhin etwas einfacher als jener von der Schweiz her.
Seit dem 14. Jahrhundert gab es an der Grenze bei Spruga ein Kurbad, zu dem die Gäste aus dem italienischen Craveggia mit Sänften getragen worden sein sollen. Im 19. Jahrhundert wurde dann ein eigentliches Kurhotel erbaut, die Bagni di Craveggia, das aber die Leute nicht gerade in Massen anzog. Zu abgelegen war wohl das Bad – und zu spärlich sprudelnd die Quelle. Später wurde das Haus mehrmals durch Lawinen zerstört. Die Überreste des Bads sind aber heute noch zu bewundern; überall liegen alte Badewannen herum, und im grössten Becken kann man sogar noch thermalbaden, wenn man eine Kerze für die Beleuchtung dabei hat.
Die tragischsten Geschichten um diesen geschichtsträchtigen Ort spielten sich 1944 ab: Nach der Kapitulation der Faschisten in Italien bildeten sich nach 1943 überall freie Republiken. Im Norden entstand so die „Repubblica d’Ossola“ mit einer Grösse von 1600 Quadratkilometern und rund 75‘000 Einwohnern. Sie bestand allerdings nur gut einen Monat lang. Am 23. Oktober 1944 wurde sie bereits wieder zerschlagen. Wenige Tage zuvor flohen 500 Menschen, Partisanen und Zivilisten, Männer und Frauen, vor den Deutschen und den italienischen Faschisten über die Berge nach Spruga, um dort die Schweizer Grenze zu erreichen. Die Verfolger holten sie kurz vor der Grenze ein und eröffneten sofort das Feuer. Drei Personen wurden erschossen, ein Mann auf Schweizer Gebiet. Heute gilt die „Battaglia di Bagni di Craveggia“ als einer der schwersten Grenzzwischenfälle während des Zweiten Weltkriegs. Ein Kreuz erinnert noch heute an Federico Marescotti, der damals auf Schweizer Boden erschossen wurde.
Valangin BuchAline Valangin hat der bewegten Geschichte von Spruga und Comologno in ihrem Doppelroman „Die Bargada / Dorf an der Grenze“ auch ein Denkmal gesetzt. Im äusserst lesenswerten Buch schildert sie das Leben in diesem abgelegenen Winkel der Schweiz, besonders auf einem sehr speziellen Hof, wo die Frauen über die Jahrhunderte immer wieder das Sagen haben – weil die Männer auswärts einen Verdienst suchen müssen oder schlicht zu schwach sind, der zupackenden Art der Frauen etwas Ebenbürtiges entgegenzusetzen. Im zweiten Buch geht es dann um den Schmuggel, der das Dorf und dessen Leute stark verändert. Aber auch um die Partisanen, die allmählich die Schmuggler ablösen und das Dorf als Zufluchtsort sehen. Dieses zweite Buch konnte lange nicht veröffentlicht werden – vielleicht auch deshalb, weil Aline Valangin die offizielle Schweizer Flüchtlingspolitik sehr ungeschminkt schildert. Sie beschreibt, wie man die fliehenden Nazi-Soldaten reinlässt, die Partisanen aber vor der Grenze den Angriffen preisgibt. Recht willkürlich wirken die Entscheide „von Bern“, welche Flüchtlinge man aufnehmen will und welche man auf dem beschwerlichen Weg wieder nach Italien zurückschickt. Ein äusserst lesenswertes, spannendes Stück Schweizer Literatur und Geschichtsschreibung. Weitere Informationen finden sich zum Beispiel auf der Website von Ticinarte oder im Wanderbuch „Bäderfahrten“ von Ursula Bauer und Jürg Frischknecht.

Architektur ist, wenn man trotzdem lacht

Klein_Gartenhaus

Der Eingang zur Tiefgarage. Hinten das Wohnhaus, rechts ein älteres Bürogebäude (Klicken für grösseres Bild).

Die meisten Architektinnen und Architekten, die ich kenne, sind witzige und humorvolle Menschen. Ihre Bauten aber sind immer ernst und bedeutungsvoll. Vermutlich erlauben sie sich nichts Humorvolles, weil sie befürchten, der Gag nütze sich bald einmal ab – was ja eine durchaus berechtigte Angst ist. Ihre Werke sind zwar nicht gerade für die Ewigkeit konzipiert, aber ein paar Jahrzehnte bleiben sie in der Regel schon stehen. Billige Witzchen sind da natürlich fehl am Platz. Wer will sich schon jahrelang denselben schlechten Witz erzählen lassen? Und doch wünscht man sich, dass auch Architekten in ihren Werken etwas Humor aufblitzen lassen, Ironie vielleicht sogar, spielerische Andeutungen. Beim Rundgang durch das neue Wohnhaus von Herzog & de Meuron in Uster bin ich immer wieder auf solche Elemente gestossen, die sehr lustig sind – aber natürlich, wie immer bei solchen Sachen, auch nicht jedermanns Geschmack. Im konkreten Fall hat sicher geholfen, dass Cristina Bechtler als Bauherrin den Architekten die volle gestalterische Freiheit zugestanden hat. Für einmal müsse sich ein Haus nicht dem Spiesser, sondern der Spiesser dem Haus anpassen, hiess es darauf bei den Architekten – die ja alle von derartigen Freiheiten träumen.

Ein wichtiges Thema im neuen Haus von Herzog & de Meuron ist die Einfachheit: Klare Formen, einfache Zimmer, Kippfenster ab der Stange, Standardausrüstung im Bad, billigste Betonschalungen. Erst beim zweiten Blick fallen die sorgfältig gestalteten Details und «Erfindungen» auf, die dann natürlich weit über das Standardmässige hinausgehen. Die Einfahrt zur Tiefgarage nimmt diese Ambivalenz auf und bricht sie ironisch: Man fährt nämlich durch ein Gartenhäuschen hindurch, das so aussieht, als habe man die einzelnen Elemente im Jumbo gekauft. Ein künstlich geschaffenes Hinterhof-Gehütt, aber natürlich ein sehr artifizielles. Ein augenzwinkernder Gag der Stararchitekten, der dem doch eher schweren Haus gleich etwas Leichtes, Verspieltes gibt. Und nützlich ist das Häuschen obendrein: Wer im Gemeinschaftsgarten gleich daneben gearbeitet hat, kann seine Werkzeuge in den Gitterboxen entlang der Garageneinfahrt verstauen.